Ina Schildbach
 

 Warum "Armut" als zentrales Thema?

Als Gott Kain nach dem Verbleib seines Bruders fragt, antwortet Kain mit einer eisigen rhetorischen Frage, deren Echo sich durch die Zeitalter zieht: ,Soll ich meines Bruders Hüter sein?‘ Die Frage schließt Kain nicht nur aus der menschlichen Bruderschaft aus. Die Tatsache, dass sie gestellt wurde, die schiere Möglichkeit der Frage, hinterlässt eine Narbe am Band der menschlichen fraternité“ (Boehm, Radikaler Universalismus, S. 34).


Armut ist schon immer ein politisch höchst aufgeladenes Thema und die „Fronten“ scheinen klar verteilt: Die Linken fordern mehr Geld, die Liberalen einen schlankeren Staat und die Rechten je nach Ausprägung mehr „Fordern“ oder mehr Unterstützung nur für Deutsche. Kaum eine Doku, die diese Rollen nicht bespielt und kaum ein Medium, wo ich nicht vorab wusste, welche Rolle man mir bei ihrer Anfrage zugedacht hatte. Dabei war diese stereotyp lange Zeit zurecht dieselbe: Ich forderte mehr Gelder für die Armen, damit diese ein würdigeres Leben führen können.


Der Maßstab meines Denkens hat sich nicht verändert: Aus meiner Sicht sollte es jedem Menschen im 21. Jahrhundert möglich sein, sich selbst als gesellschaftliches Lebewesen zu verwirklichen, was nun mal materielle Mittel unterstellt. Nur musste ich lernen – und mir ist es äußerst unangenehm, nach Jahre meines Wirkens als Wissenschaftlerin erst so logisch wie folgerichtig durch Betroffenen-Interviews im Rahmen meiner Forschung darauf gestoßen zu sein –, dass ich es mir zu einfach gemacht habe: Gibt man Armutsbetroffenen einfach mehr Geld, hilft ihnen das zwar akut, aber kaum langfristig. Man nimmt dann nämlich analytisch und in seiner Konsequenz praktisch nicht ernst, was zahlreiche Studien immer wieder zeigen und wir längst alle wissen: Armut hat Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens – Gesundheit, Bildung, Wohnen, Selbstbild etc. Sie verselbstständigt sich also und dies bedeutet nun mal, dass wir sie nicht einfach durch noch mehr Geld beseitigen können.


Denn plötzlich hat man dann Menschen vor sich, die sich ihrer Klamotten schämen, die sich kaum mehr aus dem Haus trauen, deren Kontakte abreißen, die keine festen Strukturen mehr kennen und selbst gar nicht mehr wissen, weswegen sie sich an gesellschaftlichen Diskussionen beteiligen oder gar wählen gehen sollten. Das ist es, was ich mit „Verselbstständigung“ meine. Sie ernst genommen, müssen Konzepte gegen Armut bei all diesen Dimensionen ansetzen: den Menschen als gesellschaftliches Lebewesen ernst nehmen und versuchen, ihm einen Weg zurück in die Gesellschaft aufzuzeigen – für das Gemeinwesen, aber auch für die Selbstverwirklichungs-Möglichkeiten der Armutsbetroffenen selbst.


Dann erübrigen sich in diesem Kontext auch die Links-Rechts-Schemata und können Debatten über eine „Arbeitspflicht“ oder ähnliches ohne Scheuklappen geführt werden. Ich freue mich über Ihre Anfragen und Einladungen!





                    "Die liberale Welt ist die 

                                  Welt des Nicht-Gemeinsamen

                          (de Benoist 2021, S. 49, Hervorh. i. O.).